Entwicklungszusammenarbeit im langen 20. Jahrhundert Die Rolle von Religion und Kirche

Die moderne internationale Entwicklungspolitik nahm mit der “Point IV”-Rede von US-Präsident Harry S. Truman im Jahr 1949 ihren Anfang. Inmitten von Nachkriegszeit, aufkommendem Kalten Krieg und beginnender Dekolonisation formulierte Truman erstmals ein umfassendes Programm zur Modernisierung „unterentwickelter“ Länder nach westlichem Vorbild. Diese Rede prägte nicht nur die Begrifflichkeit, sondern auch die Grundannahmen der Entwicklungszusammenarbeit über Jahrzehnte hinweg. Entwicklung wurde als säkularer, technokratischer Prozess verstanden, Religion galt in diesem Kontext als irrelevant oder gar hinderlich. Die Säkularisierungshypothese dominierte – insbesondere in den 1950er bis 1970er Jahren – Theorie und Praxis der Entwicklungspolitik, auch innerhalb kirchlicher Organisationen. Erst in den letzten Jahrzehnten wurde diese Sichtweise kritisch hinterfragt. Seit den 1990er Jahren öffnete sich ein neues Diskursfeld, das Religion als möglichen Beitrag zur Entwicklung neu bewertet. Internationale Institutionen wie die Weltbank oder das BMZ erkannten zunehmend das Potenzial religiöser Akteure, was zu neuen Partnerschaften führte. Forschung und Praxis reagierten auf diesen „turn to religion“ mit der Gründung einschlägiger Netzwerke, wissenschaftlicher Zeitschriften und Fachgruppen. Heute ist das Verhältnis von Religion und Entwicklung ein dynamisches Forschungs- und Handlungsfeld, das die Rolle religiöser Überzeugungen und Akteure differenziert analysiert. Gleichzeitig betonen kirchliche Entwicklungsorganisationen verstärkt ihre religiöse Identität und deren Bedeutung für ihre Arbeit. Trotz dieser Entwicklungen wirken die säkular geprägten Ursprünge der Entwicklungspolitik weiterhin nach. Die Debatte um Religion und Entwicklung steht somit exemplarisch für einen anhaltenden Wandel entwicklungspolitischer Paradigmen und die Suche nach globaler Gerechtigkeit.

Öhlmann, Philipp