Gender in der Sackgasse?!

Perspektiven und Alternativen in der Entwicklungs- zusammenarbeit

Geschlecht in seiner individuellen und kulturellen Ausprägung ist seit den 1970er Jahren ein wichtiges Thema der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Seit den 1990er Jahren wird Gender dabei als Querschnittsthema betrachtet; mögliche Auswirkungen auf die bestehen- den Geschlechterverhältnisse werden in allen Phasen eines Projekts, von der Planung bis zur Evaluierung, mitgedacht. Dieses Gender Mainstreaming hat die Gleichberechtigung der Ge- schlechter auf allen Ebenen zum Ziel. Dabei liegt dem aktuell praktizierten Mainstreaming ein binäres Verständnis von Geschlecht zugrunde. Diese Dualität wird heute im Hinblick auf die Vielfalt sozialer Geschlechter und sexueller Orientierungen in Frage gestellt. Auch das mangelnde Bewusstsein dafür, dass weitere Dimensionen von Ungleichheit mit Geschlecht interagieren, steht in der Kritik. Stattdessen sollte die multidimensionale Diskriminierung, wie sie im Intersektionalitäts-Ansatz berücksichtigt wird, in dem ausschließlich auf Ge- schlecht fokussierten Gender-Ansatz der EZ stärkere Beachtung finden. Auch bedarf es eines Umdenkens hinsichtlich der starken Fokussierung auf Frauen. Rollenbilder und Machtver- hältnisse sollten stärker hinterfragt und Männer vermehrt in die Gender-Arbeit eingebunden werden. Insgesamt gilt es, das Thema Geschlechtergerechtigkeit, das in der EZ jahrzehnte- lang vor allem auf der Mikroebene praktiziert wurde, auch in politischen Dialogen auf der Makroebene anzugehen. Obwohl sich die EZ seit 20 Jahren dem Gender Mainstreaming wid- met und Teilerfolge erzielen konnte, ist kein nachhaltiger Wandel bestehender Machtstruk- turen zu verzeichnen. Daher stellt sich die Frage, ob der Mainstreaming-Ansatz und das aktuelle Verständnis von Gender unter EZ-Praktiker_innen der Bedeutung der Thematik gerecht werden.

Bullerdieck, Lena, Verena Wetzel